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Ecstasy & Desire:
Tatsumi Kumashiro und der Roman Porno

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Die Nikkatsu Corporation zählt zu den ganz großen Filmstudios des japanischen Kinos. 1912 gegründet, produzierte Nikkatsu von der Stummfilmzeit über die Meisterwerke von Kenji Mizoguchi bis hin zu den New-Wave- Rebellen um Shohei Imamura und Seijun Suzuki über Jahrzehnte zahllose Klassiker des japanischen Films. Umso beispielloser bleibt der Schritt, den Nikkatsu Anfang der 70er-Jahre unternahm – auch in der internationalen Kinogeschichte. Vom Boom des pinku eiga in den japanischen Kinos einerseits und dem Fernsehen andererseits bedroht, beschloss das Studio damals, fortan ausschließlich Sexfilme zu produzieren. Dies hielt man 17 Jahre lang, bis 1988, durch, und in diesem Zeitraum entstanden mehr als 1.000 der sogenannten ROMAN PORNOS.

Die Genrebezeichung ROMAN PORNO ist dabei weniger auf die amerikanisch-europäische Definition von Pornografie und das zeitgleich stattfindende Golden Age of Porn zurückzuführen, sondern lehnt sich viel mehr an den klassischen roman pornographique und somit an eine eher literarisch-intellektuelle Traditionslinie an. Der ROMAN PORNO sollte das anspruchsvolle Äquivalent zum schnell und billig produzierten pinku eiga sein, das zwar dessen Rahmenbedingungen aufnimmt – höchstens 80 Minuten Spieldauer, eine Woche Drehzeit, alle 10 Minuten eine Sexszene -, diese aber mit den professionellen Produktionsbedingungen und dem handwerklichen Know-how zusammenbrachte, die ein arriviertes Filmstudio zu bieten hat. ROMAN PORNOs strahlten oft in Scope-Bildern und prächtigen Farben von der Leinwand, ließen ihren Regisseuren aber gleichwohl bei Beachtung der Grundregeln erstaunlich viele künstlerische Freiheiten, die diese sowohl für experimentelle Formspiele wie für oftmals entschieden linke politische Statements nutzten.

Beide Formen der Abweichung von den Genrekonventionen sind im reichen Œuvre von Tatsumi Kumashiro deutlich ausgeprägt. Insbesondere in seinen Porträts von Geishas und Prostituierten einem rauen Alltagsrealismus verpflichtet, bricht Kumashiro diese Erzählungen immer wieder durch formale Verspieltheiten auf, die auf die gängigen staatlichen Zensurpraktiken seiner Zeit verweisen. Wir zeigen fünf seiner Filme von 35mm-Kopien mit englischen Untertiteln.

In Kooperation mit der Japan Foundation Tokyo und dem Japanischen Kulturinstitut Köln