The 1. PornfilmfestivalBerlin was a huge success!

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Kant-Kino Außenansicht
The Kant-Cinema during the festival


Kant-Kino Foyer
The Kant-Cinema during the festival


Von Kakerlaken und Kamerahandys – Die Suche nach dem Königsweg
Das 1. Pornfilmfestival Berlin 2006 ist zu Ende gegangen. Versuch einer Aufarbeitung


Text: Jochen Werner

Was eigentlich war zu erwarten vom ersten Berliner Filmfestival, das sich der Pornographie im weitesten Sinne und in allen Spielarten widmete? Unterschiedlichstes, so man Kurator Jürgen Brüning glaubte, der bereits in der Eröffnungsrede betonte, dass an die Pornographie im Allgemeinen und an ein solches Festival im Besonderen jeder Zuschauer mit individuellen Erwartungen herantrete, die sämtlich zu erfüllen nicht Anspruch sein könne. Die Hoffnung des Rezensenten jedenfalls war, in einem relativ kurzen Zeitraum verdichtet einen Überblick über verschiedene Arten des Zusammenspiels von Pornographie und Kunst zu erlangen; über möglichst viele und möglichst unterschiedliche Ansätze gegenwärtiger Pornomacher, die Potenziale der Pornographie als Kunstform auszuloten. Diese Erwartungen wurden erfüllt, da das Festivalprogramm von absolutem Trash bis zu mitreißender Filmkunst ein extrem breites Spektrum auffächerte und verschiedenste Vorschläge für eine neue, alternative, bessere Pornographie in den Raum stellte.

Porno für Programmkinos: »All About Anna«
Ein erster Schluss aus dem Angebot des Festivals scheint nun jener zu sein, dass die Zukunft einer ebensolchen neuen Pornographie wohl eher nicht in der Narrativierung zu suchen ist. Für diesen Ansatz stand etwa Jessica Nilssons »All About Anna« (Dänemark 2005) Pate. Dieser folgt den Regeln des »Puzzy Power Manifesto«, das Lars von Triers hier auch coproduzierendes Studio Zentropa Productions 1998 aufgesetzt hat mit dem Ziel, unter dem eigenen Dach die Herstellung pornographischer Filme von Frauen für Frauen zu forcieren. Das funktioniert leider, zumindest im Fall von »All About Anna«, überhaupt nicht, denn zunächst einmal ist Nilssons Werk kein Porno. Wäre man außerhalb des Festivals, in einem Programmkino etwa, auf den Film gestoßen, niemand wäre auf die Idee gekommen, von einem Porno zu sprechen, und wenn man es doch tut, dann muss man auch Chéreaus »Intimacy« oder Breillats »Romance« so etikettieren. (Im Falle von Virginie Despentes‘ und Coralie Trinh This »Baise-moi« oder Michael Winterbottoms »9 Songs« wäre dies noch eher zu diskutieren.) »All About Anna« ist eine mittelmäßig geskriptete Beziehungs-Dramödie, in der der Sex tatsächlich nur am Rande eine Rolle spielt. Dass dieser dann explizit gezeigt wird, ist natürlich absolut in Ordnung und macht eben noch keine Pornographie aus – an diese erinnern hier tatsächlich nur noch die schlechten Darsteller und das mäßige Skript. Nein, so wird das nichts; für einen Porno gab es zuwenig Sex und für einen Spielfilm ist alles andere einfach viel zu schlecht. Und letztlich bleibt dann auch die Frage akut, die Darsteller Zak Sabbath in der Diskussion nach der Vorführung von Benny Profanes »Barbed Wire Kiss« stellte: Welche Funktion kann die Narration in einem Porno haben, wenn von vornherein klar ist, worauf die Erzählung hinausläuft?

Alt.Porn: »Barbed Wire Kiss« & »Girls Lie«
Ebenjener »Barbed Wire Kiss« machte da mit ästhetischem Geschick und Selbstironie einen schon wesentlich bedenkenswerteren Vorschlag und setzte sich gleichzeitig aus dem Stand an die Spitze der jüngst über alle Maßen gehypten Bewegung des Alt.Porn, des »Alternative Porn« also. Dessen Fahnenträger Nummer Eins hingegen, der zuletzt auch in »seriösen« Feuilletons diskutierte Eon McKai, lieferte mit dem als Weltpremiere präsentierten »Girls Lie«, seinem ersten Film nach dem Wechsel zum amerikanischen Pornomulti Vivid und der damit einhergehenden Gründung des Labels Vivid.Alt, die wohl größte Enttäuschung des Festivals ab und führte exemplarisch vor, wie man es nicht machen sollte. Zwar sprach der anwesende McKai im Anschluss viel über seinen Ansatz, einen neorealistischen Porno zu drehen, über die Sorgfalt, die er in die (durchaus nicht uninteressante) Licht- und Farbdramaturgie investierte und über die nach Industriestandards inszenierten Sexszenen, die eben die Umsetzung der Story und überhaupt den Rest des Films ermöglicht hätten. Nur entbehrt dies jeglicher Grundlage, wenn eben die Standardnummern nahezu die vollständige Laufzeit des mit zwei Stunden endlos anmutenden Films einnehmen und das bisschen Story, das McKai in kürzesten Inserts präsentiert, so egal ist – egaler geht’s nicht mehr. Während also bei Benny Profane durchaus Ansätze zu einer kleinen Revolution innerhalb der Mainstream-Pornographie erkennbar sind, die dieser hoffentlich – statt sich wie McKai zumindest im Fall von »Girls Lie« an die Industrie zu verkaufen – in weiteren Filmen noch weiter ausformuliert und zuspitzt, würde es kaum überraschen, wenn McKai mittelfristig der Pornographie den Rücken kehrt und sich im Independent- oder Mainstreamkino versucht. Darauf jedenfalls deutet »Girls Lie« bereits hin, der alle Sorgfalt in die kürzesten Zwischensequenzen investiert und die obligatorischen (und leider den Film völlig dominierenden) Nummern langweilig und lustlos abhakt. Und was eigentlich könnte man über einen Porno Schlimmeres sagen?

Kimonos und Kakerlaken: Der pinku eiga
Einen weiteren Schwerpunkt des Festivalprogramms machten die Produktionen der japanischen Sexfilmmanufaktur (des pinku eiga) aus, unter denen wiederum das Werk Yuuji Kitanos eine besondere Ausnahmeerscheinung bildete, wenngleich nicht unbedingt im positiven Sinne. Denn Kitano, der gleich zwei Filme beisteuerte, inszenierte sowohl den schlechtesten als auch den widerlichsten Beitrag. Bei ersterem handelt es sich um »Woman in Red Kimono«, ein nicht-narratives No-Budget-Werk, das die titelgebende Frau zunächst mit, dann ohne roten Kimono abbildet, während sie eine felsige Küste entlang erotischen Ausdruckstanz vorführt. Im Hintergrund wogt die Brandung, und man fühlt sich während des äußerst preisgünstig auf VHS gemasterten und mit dementsprechend miserabler Bildqualität stigmatisierten Filmes an jene Videos erinnert, die man nachts im Offenen Kanal und auf diversen Privatsendern zu sehen bekommt. Nur eben eine Stunde lang. Dieses 1995 inszenierte Frühwerk also konnte Kitano qualitativ definitiv nicht mehr unterbieten – doch was er dann mit dem eine Dekade später gefilmten »The Girl Snarfs Roaches« aufbot, schockierte selbst den Hartgesottensten. Ebenfalls weitgehend nicht-narrativ, zeigt der Film nach einem kurzen, surreal-witzigen Auftakt drei Episoden, die sich mit zunehmendem Ekelfaktor um Kakerlaken und ähnliches Krabbelgetier drehen. Sprich: Die Darstellerin hat Sex mit diversen Partnern, während hunderte von Kakerlaken über ihre Körper laufen; sie nimmt die Tiere lebendig und tot in den Mund, lutscht daran, zerbeißt und verspeist sie und tut Dinge, die der Rezensent nicht für möglich gehalten hätte. Nein, ehrlich: Es wäre ihm niemals in den Sinn gekommen, dass er jemals das Wort »widerlich« im Zusammenhang mit einem Kunstwerk gebrauchen würde. Doch hier ist dies unumgänglich: Es fehlen die Worte zu beschreiben, wie widerlich »The Girls Snarfs Roaches« ist. Der anwesende Regisseur Kitano konnte leider aufgrund sehr mangelhafter Englischkenntnisse nicht wirklich viel zur Kontextualisierung beisteuern; lediglich dass er selbst seinen Film für eine Komödie hält wurde deutlich. Das Publikum zeigte sich zunächst folgsam und lachte über die ersten Widerwärtigkeiten tapfer hinweg, doch bald lichteten sich die Reihen merklich. Was »The Girl Snarfs Roaches« nun wirklich ist, bleibt folglich offen; der Gedanke, es handele sich tatsächlich um einen Porno und es gebe Menschen, die sich daran erregen, scheint zu gruselig. Wenn es sich um eine Art Härtetest handeln sollte, hat der Rezensent ihn (trotz langjähriger Splatterfilmerfahrung) jedenfalls nicht bestanden – er glaubt nicht, dass er auch nur die Hälfte des Films tatsächlich gesehen hat. Allerdings nutzte auch das Wegschauen meist nicht viel, da die Tonspur kaum weniger eklig war… Das japanische Sexkino setzte dann allerdings auch noch künstlerische Höhepunkte mit Rikki Kassos verstörendem »Somewhere in the Middle« (2005) und Kajinos sadomasochistischer, aber auch seltsam zärtlicher und vollkommen zu Recht preisgekrönter Splatter-Tragödie »Sabaku« (2000). Insgesamt setzt sich aber, vielleicht ein wenig überraschend, der Eindruck fest, dass der pinku eiga sich häufig in düster-depressiven Szenarios verliert, in denen der Sex sich nicht selten in einsamer Masturbation erschöpft – trotz des grellen Humors in Filmen wie »The Strange Saga of Hiroshi, the Freeloading Sex Machine« (2005) oder »The Glamorous Life of Sachiko Hanai« (2004). Hier scheint tatsächlich jene Situation erreicht, der der westliche Porno (hoffentlich) noch zustrebt und die den ästhetischen Eigenwert über die Dienstleistungsfunktion gegenüber dem onanierwilligen Kunden stellt.

Experimente: Singapur, Philippinen, USA
Ein weiterer bemerkenswerter Schwerpunkt war auch dem experimentellen, häufig eher in der Kunstszene verorteten Film gewidmet. Neben den Kurzfilmen von X’Ho aus Singapur und dem an der Berliner UdK studierenden Amir Fattal sowie eines Programms zum »Cinema of Transgression«, das auch Richard Kerns legendären »Fingered« (1986) zeigte, war etwa der philippinische No-Budget-Regisseur Khavn mit seinem spielfilmlangen Werk »Aswang Ng QC – Vampire of Quezon City« (2006) vertreten. Sowohl X’Hos als auch Khavns Werk gab sich jedoch eher zwiespältig, da hier auf im europäisch-amerikanischen Kontext längst überwundene Formen des Experimentalfilms zurückgegriffen wurde. Insbesondere Khavns Film etwa erinnerte an den frühen Schlingensief, manchmal an Abel Ferrara und insbesondere an Jörg Buttgereit. Steht man dem Ganzen nun wohlwollend gegenüber, so könnte man anführen, dass ja gerade Buttgereit seit Jahren (und nicht ganz freiwillig) nicht mehr im Film arbeitet, und dass es zu begrüßen sei, dass nun junge Filmemacher aus anderen Kulturen diese radikale Form des Filmemachens wieder aufnehmen. Aber tatsächlich originell ist es eben nicht. Dieser Vorwurf mangelnder Originalität ist hingegen Todd Verow kaum zu machen, der mit »Hooks on the Left« einen der besten Filme zum Festivalprogramm beisteuerte. Auf dem (angeblich) authentischen Tagebuch eines schwulen Strichers basierend, legt sich ein mitreißender Monolog über eine unabhängige Bildspur, die eine Art Reisetagebuch des Filmemachers darstellt – und die komplett mit der Kamera eines Nokia-Mobiltelefons gefilmt wurde, in zehnsekündigen Schnipseln. Auf der Leinwand sind die Pixel riesig, nur gelegentlich finden sich die unaufhörlich zerfließenden Farbfragmente zu einer Repräsentation zusammen. Stattdessen sind sie sorgfältig rhythmisiert, wirken gleichzeitig gebremst und beschleunigt und ziehen den Zuschauer in ein einzigartiges Filmerlebnis hinein, welches am Rande auch noch einen Meilenstein für endgültige Demokratisierung der filmischen Produktionsmittel markiert.

Was kann aber nun als Fazit vom 1. Pornfilmfestival Berlin 2006 stehen bleiben? Ist er gefunden, der Königsweg, der schnurstracks zur neuen, alternativen, künstlerisch wertvollen Pornographie führt? Nein, das ist er nicht – glücklicherweise. Denn die zahlreichen, mehr oder weniger ambitionierten und mehr oder wenigen aussichtsreichen Ansätze zu verfolgen bietet in der Zukunft noch viel Raum für Experimente und kreative Spannungen. Bleibt zu hoffen, dass sich an das 1. Pornfilmfestival im nächsten Jahr ein zweites anschließt, dass erneut Gelegenheit gibt, den aktuellen Stand dieses hochinteressanten Diskurses zu überschauen.

:: Das Filmprogramm des 1. Pornfilmfestival Berlin 2006 war vom 18.-22.10. in den Neuen Kant Kinos und im Xenon (Berlin) zu sehen
:: 1. Pornfilmfestival Berlin 2006

Veröffentlicht am 23.10.2006 um 13:13.